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Grüne Augen

Der schwere Koffer landete mit einem Knall neben ihr auf dem Straßenpflaster und ließ den Schneematsch bis zu ihren Knöcheln spritzen.
"So, das wär´s dann," sagte der Taxifahrer. "Macht dreiundfünfzig."
Hastig suchte sie in ihrer Umhängetasche nach dem Portemonnaie.
"Und sie sind sich sicher, dass sie hier her wollten?", fragte der Fahrer. "Ist nicht so eine tolle Gegend hier."
Schweigend hielt ihm Lindis das Geld hin. Die Adresse war schon richtig, aber ob sie auch hier sein wollte, wusste sie selbst noch nicht genau. Der Fahrer griff nach den Scheinen und zählte das Geld mürrisch ab.
"Pah, das soll ein Trinkgeld sein? Habe ich ja gleich gewusst, das diese Fuhre nichts einbringt."
Lindis zog ihren Schal enger um sich und zuckte schuldbewusst mit den Schultern.
"Mehr habe ich nicht." Tatsächlich hatte diese Taxifahrt ein tiefes Loch in ihr nicht vorhandenes Budget gerissen. Aber das bunte Liniennetz auf dem Busfahrplan hatte sie mehr verwirrt als die neugermanische Runenschrift von Hannes Nepomuk.
Der Fahrer stapfte wortlos zu seinem Auto zurück, wuchtete seine Leibsfülle hinter das Lenkrad und fuhr in einer Abgaswolke davon. Lindis blickte dem davonfahrenden Taxi hinterher. Mittlerweile war es später Nachmittag geworden und das Dämmerlicht tauchte die Straße in ein trostloses Grau, welches nur vom Flackern der Laternen erhellt wurde. Die Straße wurde von Wohnblöcken gesäumt, welche sich eng und langweilig aneinander reihten. Das Wohnviertel war ein typisches Beispiel für die kriminelle Architektur der siebziger Jahre in allen grausamen Auswüchsen. Die Bewohner kamen nur zum Schlafen hierher. Gearbeitet und gelebt wurde in der City.
Das Haus ihrer Tante hob sich deutlich von den anderen ab. Es ähnelte einem Bauernhaus mit seinem Fachwerk und dem tief gezogenen Dach. Die Hauswände waren aus Feldsteinen erbaut und die kleinen Fenster schauten trotzig auf Lindis herab. Dornenbüsche wucherten im Vorgarten und drohten mit garstigen Ranken über den wackeligen Zaun. Direkt hinter dem Häuschen warf die Rückwand des angrenzenden Mietshauses tiefe Schatten, die jegliches Licht verschluckte.
"Tolle Aussicht!", dachte Lindis bei sich.
Das war also das Haus ihrer verstorbenen Tante Mara. Der Tante, die sie bis vor zwei Wochen nicht gekannt hatte, da sich die Familie beharrlich über diese Person ausschwieg. Und trotzdem hatte Tante Mara überraschend für die ganze Sippe, ihrer einzigen Nichte das Haus vererbt.
Allerdings wusste sie nicht, ob sie sich darüber freuen sollte oder nicht. Noch nicht einmal Schlüssel hatte sie. Nur die Adresse und einen überaus merkwürdigen Brief von ihrer verstorbenen Tante. Mit kalten Fingern rückte sie ihre Umhängetasche zurecht, griff sich den schweren Koffer mit ihren Habseligkeiten und stieg die kleine Treppe hoch. Die Tür bestand aus altem rissigem Holz, machte aber einen sehr stabilen Eindruck. Ohne Schlüssel würde das ein Problem werden.
"Hallo! Sie da."
Lindis dreht sich um und entdeckte eine große hagere Gestalt auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig, die auf sie zustürzte.
"Ja, sie meine ich. Sind sie Fräulein Fari? Ich bin Herr Mortis, Rigor Mortis, um genau zu sein. Ich bringe ihnen die Schlüssel. Sie sind doch die Nichte von Frau Shirridan?"
Bei diesen Worten hatte Herr Mortis die Haustreppe erreicht und streckte ihr etwas unbeholfen seine Hand entgegen. Verlegen drückte Lindis seine knorrigen Finger. So einen Überfall hatte sie nicht erwartet und eilig ließ sie die eiskalten Finger los.
"Ja, ich bin die Nichte von Mara. Ich bin Lindis Fari. Wollen sie meinen Ausweis sehen, Herr Mortis?"
"Nein, dass ist nicht nötig. Sie sehen ihrer Tante sehr ähnlich."
Hier räusperte sich Rigor Mortis leise und seine leichenblasse Haut bekam etwas Farbe.
"Sehr ähnlich sogar."
"Ihre Tante hatte mich beauftragt", erzählte Mortis weiter und kramte in seinem Köfferchen.
"Ich bin Bestattungsunternehmer und biete einen kompletten Service rund um den Tod an. Mein herzliches Beileid."
An dieser Stelle hielt er Lindis eine Visitenkarte hin. "Ewig platt - Bestattungsunternehmen" las sie.
"Ah ja. Und sie haben die Schlüssel für das Haus?"
"Moment, ich finde ihn gleich. Hier ist er." Herr Mortis zog einen klappernden Schlüsselbund hervor.
"Also irgendeiner davon wird es wohl sein." Er runzelte konzentriert die Stirn, schaute zur Haustür, überlegte kurz und entschied sich für einen großen einfachen Eisenschlüssel.
"Probieren wir den." Auffordernd hielt er Lindis den Schlüssel entgegen. Sie griff danach und zuckte zusammen, als sich ihre Finger darum schlossen. Das Metall fühlte sich warm an. Und irgendwie lebendig. Rigor Mortis Gesicht zeigte eine zufriedene Miene.
"Soll das so sein?" fragte sie.
"Schließen sie nur auf. Ich habe in den letzten Wochen das Haus ordentlich in Schuss gebracht. Die Türen sind geölt."
"Kannten sie meine Tante sehr gut?"
Lindis dreht den Schlüssel vorsichtig im Schloss und die Tür öffnetet sich quietschend.
"Dieses Miststück!", schimpfte Rigor.
"Oh, nein, nein, nein. Ich meine die Tür. Ich habe einen Liter Öl in die Angeln gekippt und sie quietscht immer noch."
Lindis wuchtete ihren Koffer hoch und betrat den kleinen Flur. Ihr schlug ein Schwall abgestandener Luft entgegen. Nicht unangenehm, nur etwas altbacken, wie man es oft bei Senioren riechen konnte.
"Warten sie, ich helfe ihnen." Eifrig zog Herr Mortis den Koffer aus ihrer Hand und drängte sie in den Flur. Unbehaglich stolperte Lindis vorwärts und schon stand sie im Wohnzimmer.
Rigor Mortis fing an ihr unheimlich zu werden. Sie war es nicht gewohnt, so umsorgt zu werden. Mit hilfsbereiten Menschen hatte sie bisher schlechte Erfahrungen gemacht, da diese dann doch immer eine Gegenleistung erwarteten. Deshalb verließ sie sich lieber auf ihre eigenen Kräfte und Mittel um sich durchs Leben zu kämpfen. Außerdem hatte Herr Mortis etwas Eigentümliches an sich. Seine große Gestalt strahlte die Würde einer Friedhofskapelle aus. Sie wagte nicht, laut zu reden.
"Herr Mortis, ich danke ihnen sehr für ihre Hilfe und dass sie mir den Schlüssel gebracht haben", versuchte sie es leise, "aber ich bin müde von der langen Reise und möchte mich nur noch ausruhen. Bitte entschuldigen Sie."
"Aber natürlich, Fräulein Lindis, wie unaufmerksam von mir." Verlegen stellte er den Koffer in dem winzigen Flur ab. Seine große Gestalt wirkte etwas deplaziert zwischen den Blümchentapeten.
"Ich muss ihnen aber noch etwas wichtiges mitteilen. Ihre Tante hat mir eine Liste von, nun ja, Verhaltensmaßregeln für das Haus gegeben."
Er schüttelte bei Lindis verwundertem Blick den Kopf. "Ich tue nur das, was mir ihre Tante aufgetragen hat. Sie machte deutlich, dass es sehr wichtig für sie ist, wenn sie in dem Haus wohnen wollen. Das waren ihre Worte. Aber ich bin sicher, dass es auf ein paar Stunden mehr oder weniger nicht ankommt", fügte er eilig hinzu, als er in Lindis erschöpftes Gesicht blickte.
"Ich mache ihnen einen Vorschlag. Sie ruhen sich ein wenig aus und ich hole sie in einer Stunde ab und lade sie zum Essen ein. Sie werden bestimmt Hunger haben und hier ist schon alles geschlossen. Dann kann ich ihnen alles erklären."
Zu müde um zu protestieren nickte Lindis.
"Also gut. In einer Stunde können sie mich abholen. Vielen Dank." Mit diesen Worten schob sie Mortis zur Tür.
"Aber nicht doch. Für ihre Tante mache ich das gern. Oh, für sie natürlich auch."
Rigor Mortis war nicht gerade der Casanova seiner Spezies und trat mit stetiger Konsequenz in die zwischenmenschlichen Fettnäpfchen. Vor allem beim weiblichen Teil der Bevölkerung. Mit einer steifen Verbeugung, die Lindis ans Mittelalter denken ließ, verabschiedete er sich und trat ins Freie.
Dankbar schloss Lindis die Tür. Endlich allein.
Aufmerksam wurde sie von zwei grünen Augen aus einer dunklen Ecke hinter dem Schrank beobachtet. Ein kurzes Zischen, kaum hörbar, und die Augen verschwanden.

*

Geschichte und Charaktere von Lindisfari, September 2015